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von Felix Krebs

Mit seinem Gründungsjahr 1962, zwei Jahre vor der Gründung der NPD, war der „Norddeutsche Kulturkreis e.V.“ (NK)) der älteste Verein der extremen Rechten in Hamburg und stand in direkter personeller und ideologischer Tradition des Nationalsozialismus. Nun löste er sich zum 1. Juli 2014 wegen Inaktivität und Überalterung auf.

Erlebnisgeneration zeigte NS-Filme

Der NK wurde ursprünglich unter dem Namen „Freundeskreis Filmkunst e.V.“ unter maßgeblicher Beteiligung der „Erlebnisgeneration“ des Dritten Reichs gegründet. Der damalige und langjährige 1. Vorsitzende und bis zu seinem Tode 2009 beliebter Redner bei NPD und Kameradschaften, Klaus-Christoph Marloh war z.B. ehemaliger U-Boot-Offizier und leugnete den Holocaust. Gertrud Herr, langjährige Funktionärin des Vereins, publizierte ihre Biografie ,,Inhaltsreiche Jahre - Aus dem Leben einer BdM-Führerin" in einem Verlag von Auschwitzleugnern. Herr war bis in die Neunzigerjahre engste Mitarbeiterin des verstorbenen Neonazis Jürgen Rieger, der selbst 1986 in den Vereinsprotokollen auftauchte. Der ehemalige Wehrmachtsoldat Rolf Hanno, der nach 1945 als Immobilienbesitzer in Spanien erfolgreich war, kam hochbetagt zum Jahrestreffen der Kulturfreunde 2008 aus Marbella angereist. Hanno hatte mehrmals mit sechsstelligen Eurobeträgen die Bundes-NPD finanziert, und auch den Wahlkampf 2011 der Partei in Hamburg.  Andere  Gründungsmitglieder des NK kamen aus der Deutschen Reichspartei (DRP) sowie aus dem 1960/1961 verbotenen Bund Nationaler Studenten (BNS).
Jahrzehntelang zeigte der Verein indizierte NS-Filme in angemieteten Kinos. Besonders in den 1970er und 1990er Jahren gab es gegen diese Aufführungen Proteste. Weil die sog. „Vorbehaltsfilme“ laut Geschäftsbedingungen der großen, seriösen Verleiher nur mit entsprechend kritisch-wissenschaftlicher Begleitung gezeigt werden dürfen, der Verein dieses aber nicht tat, wurde ihm schon 1980 die Gemeinnützigkeit entzogen.


Verfassungsschutz guckte weg, Rieger kaufte Nazi-Zentrum

Eine kontinuierliche Beobachtung des Freundeskreises durch den Verfassungsschutz fand jedoch laut Senatsantwort von 2010 nicht statt, da „bei der Prüfung der Beobachtungswürdigkeit des Vereins keine ausreichenden Anhaltspunkte für rechtsextremistische Bestrebungen im Sinne des Hamburgischen Verfassungsschutzgesetzes festgestellt wurden.“ So konnten die Altnazis dann 1978 ihren größten Coup landen. Neben einem weiteren Nazi-Verein erwarben sie zwei Drittel der Anteile an einem Gebäudekomplex im niedersächsischen Hetendorf von der Bundesvermögensabteilung. Zuvor hatte der Hamburger Verfassungsschutz auf Nachfrage der zuständigen Oberfinanzdirektion Hannover bezüglich beider Vereine grünes Licht gegeben. Kader Jürgen Rieger unterzeichnete persönlich den Kaufvertrag. „Für’ n Appel und ´n Ei“ so Gertrud Herr, ging das Gelände an die Nazis. 120 000 Mark – ein Zehntel dessen was der Bund dem Voreigentümer gezahlt hatte. Jürgen Rieger und sein Umfeld machten das Gelände dann in den 1980er und 90er Jahren zum wichtigsten Zentrum der militanten Naziszene in Norddeutschland. Ilse Koch, Mitglied des NK, und ihr Mann wurden Hausmeister in Hetendorf. Inzwischen verbotene Organisationen wie die FAP und Wikingjugend trafen sich hier und veranstalteten Wehrsportübungen. Erst 1998 wurde das Zentrum, nach langjährigen antifaschistischen Protesten, von den Behörden geschlossen.

Umbenennung und Niedergang

1999 nannten sich die Freunde des Nazifilms, wohl als Folge der Proteste, in „Norddeutscher Kulturkreis“ um. Das Personal, die Ideologie und das seit Jahrzehnten herausgegebene Blättchen „Die Warte“ blieben jedoch gleich. In der Zeitschrift wurden immer wieder kritiklos Persönlichkeiten des NS-Regimes gewürdigt, das Titelbild stammte oft von NS-Künstlern und in den Rezensionen wurde neofaschistische Literatur gepriesen. Filmveranstaltungen fanden in den letzten Jahren nicht mehr statt, stattdessen gab es noch mehrere Vortragsveranstaltungen pro Jahr. Teilweise mit einschlägigen Referenten, die auch schon bei der NPD vorgetragen hatten und bis zuletzt immer im Haus der „Burschenschaft Germania Königsberg zu Hamburg“ in der Heimhuderstraße. Neue Mitglieder konnte der NK aber anscheinend nicht mehr gewinnen. Bei der letzten Mitgliederversammlung kamen, laut 1. Vorsitzendem Günter Steinhoff gerade noch 12 Mitglieder, die mehrheitlich die Auflösung des Vereins und die Einstellung der Herausgabe der „Warte“ beschlossen. Als Erbe ist ein weiterer Naziverein vorgesehen. Die „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e.V.“, gehörte früher ebenfalls zu dem Vereinsgeflecht um Jürgen Rieger und betreibt rassistische Propaganda und „Erbgesundheitspflege“. Auch wenn die Alten wegsterben, für Kontinuität ist somit gesorgt.

Quellen:
Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg Drucksache 19/6267
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7828616.html
Vereinsregister Hamburg
Diverse Ausgaben „Die Warte“

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