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Von Lothar Zieske

Die altertumswissenschaftliche Fachzeitschrift „Hermes“ erschien zum ersten Mal im Jahre 1866, im Jahr des preußisch-österreichischen Krieges. Mit einer Lücke in den Jahren 1945-1951, erscheint sie bis zum heutigen Tage.

Im Heft 3 des Jahres 1935 – vor genau 75 Jahren also – veröffentlichte der Hamburger Professor für Klassische Philologie Bruno Snell einen kurzen Aufsatz (nur eine Druckseite lang), der von Merkwürdigkeiten nur so strotzte; dabei gehörte in den Augen des Fachpublikums der Titel noch zu den geringeren: „Das I-Ah des Goldenen Esels“. (Klassische Philologen schreiben über die unmöglichsten Dinge.) Was die gelehrte Leserschaft schon eher verblüfft haben dürfte, war die Tatsache, dass Prof. Snell seinem Aufsatz nicht eine einzige Fußnote beigegeben hatte. Dieser Umstand konnte schon die geheime Mitteilung enthalten: Hier geht es um etwas anderes als um Fachwissenschaft!

Der Inhalt lässt sich kurz zusammenfassen: In dem von dem römischen Autor Apuleius verfassten Roman „Der Goldene Esel“, der auf eine griechische Vorlage zurückgeht, schreit der Esel immer „O“. Prof. Snell erklärte das als Übertragung des griechischen Wortes „ou“ (für „nicht“). So weit, so gut. Wenn da nicht die abschließenden Bemerkungen gewesen wären, die mit dem eigentlichen, dem philologischen Thema nichts mehr zu tun hatten. Scheinbar verwundert konstatiert der Autor, „dass das einzige wirkliche Wort, das ein griechischer Esel sprechen konnte, das Wort für ‚nein’ war, während kurioserweise die deutschen Esel gerade umgekehrt immer nur ‚ja’ sagen.“ Merkwürdig, dass aus dem „i-ah“ hier ein „ja“ wurde!
Nicht merkwürdig war dies allerdings für das damalige deutsche Publikum, denn dieses konnte sich noch gut daran erinnern, dass die Nazis ein Jahr zuvor ein Plebiszit mit der Parole „Ein ganzes Volk sagt zum 19. August Ja“ durchgeführt hatten. (In einem späteren Nachdruck dieses Artikels war ein Foto von einer entsprechend beschrifteten Litfasssäule beigegeben.) Dieses kollektive Ja-Sagen der deutschen Esel karikierte Snell also mit diesem kleinen Aufsatz.

Snell war es in der Nachkriegszeit unangenehm, auf das „I-Ah des Goldenen Esels“ angesprochen zu werden; er machte wenig Aufhebens von sich, und außerdem – er hatte weit mehr Verdienste als das eine, in der NS-Zeit eine untergründige Glosse verfasst zu haben.

Da waren seine Verdienste als Gelehrter, der sowohl mühselige philologische Kleinarbeit leisten konnte (für seine wissenschaftlichen Ausgaben griechischer Lyriker wertete er Papyrusfunde aus; er gab zwei Bände mit Fragmenten griechischer Tragödiendichter heraus), der als Wissenschaftsorganisator große Bedeutung erlangte (das „Lexikon des frühgriechischen Epos“, das seit 1945 in der Universität erarbeitet wurde, wird derzeit abgeschlossen), der aber auch populäre Rundfunkvorträge hielt (zusammengefasst in den Büchlein „Die alten Griechen und wir“ und „Neun Tage Latein“).
Seine aufrechte Haltung in der NS-Zeit, von der nunmehr die Rede sein soll, fand seine nachträgliche Würdigung u.a. darin, dass  er 1945/6 erster Dekan der Philosophischen Fakultät und 1951-3 Rektor der Universität Hamburg wurde.

Für Snells antifaschistische Haltung und für seine Tatkraft in diesem Sinne gibt es viele Beispiele, von denen nur einige genannt werden können: Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 bietet er dem befreundeten jüdischen Maler Kurt Löwengard Schutz in seinem Hause; er besorgt für den untergetauchten jüdischen Wissenschaftler Kurt Latte aus Göttingen Bücher und wickelt unter seinem Namen dessen Korrespondenz mit ausländischen wissenschaftlichen Institutionen ab; er überzeugt den jüdischen Wissenschaftler Paul Maas am letzten Tag vor der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, als kein Schiff mehr nach England fährt, sich über die Niederlande in Sicherheit zu bringen, und hilft ihm so, sein Leben zu retten.

Es gibt viele anerkennende Äußerungen ausländischer Wissenschaftler über Snells Haltung in der NS-Zeit. Olivier Reverdin (Genf) wandte den Ausdruck „courage moral“ auf ihn an. Mit ähnlichen Worten ehrte ihn der englische Gräzist Eric Robertson Dodds; er sagte über ihn: „the finest and most courageous German I have met.“

Statt diese Aufzählung weiter fortzusetzen, möchte ich sie beschließen mit den Worten des langjährigen ehemaligen Universitätspräsidenten Peter Fischer-Appelt, der in seiner Gedenkrede auf Snell am 30. Januar 1986 sagte: „Er durchstand diese Zeit mit der ihm eigenen Bravour.“Und Snell selbst? Einem ehemaligen Schüler vertraute er in den fünfziger Jahren an: „Mir wäre wohler, wenn ich damals, wie all die anderen, ausgewandert wäre.“

Weshalb ist es wichtig, an Snells Haltung in der NS-Zeit zu erinnern, obwohl er kein Widerstandskämpfer war, nicht Kommunist oder Gewerkschafter? Die Antwort: Snells Beispiel zeigt, dass es möglich war, sich dem Anpassungsdruck der Nazis zu entziehen, auch wenn man nicht Leben, Gesundheit oder materielle Existenz aufs Spiel setzen wollte. Und:   Sein Antifaschismus endete nicht mit dem Jahre 1945: So engagierte er sich in den 60er und 70er Jahren gegen die griechische Militärdiktatur; er beteiligte sich z.B. an einem Kongress, der am 28.4. 1968 in Hamburg stattfand und protestierte gegen Repression und Verhaftungen. 

Lothar Zieske

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