Am Sonntag, d. 27. Juli 2008 demonstrierten 50 Antifaschistinnen und Antifaschisten auf dem Ohlsdorfer Friedhof am Mahnmal für die Hamburger Bombenopfer gegen die dort  jährlich stattfindenden Nazi-Feiern zu Ehren „der Opfer des alliierten Bombenterrors“.

Trotz Vorgespräche mit der Friedhofsleitung konnte diese Feier am Vortag ungestört von Friedhofsverwaltung und Polizei stattfinden. Seit mindestens 2004 nehmen die Nazis die alliierten Bombardierungen Hamburgs im Sommer 1943 zum Anlass, um am offiziellen Mahnmal für die Bombenopfer eine „Trauerfeier“ abzuhalten. Diese „Tradition“ ging ursprünglich von dem DVU-Funktionär Gerhard Teppris aus, der 2003 auch auf einem Neonazi-Aufmarsch der Hamburger NPD sprach. Nach seinem Tod führen Neofaschisten aus NPD, DVU und den sog. „Freien Nationalisten“ das Werk von Teppris „Bürgerinitiative Hamburger Opfer unvergessen“ fort.


Die Umkehr von Opfern und Tätern

Jedes Jahr kommen 50-70 Unverbesserliche mit Fahnen und Trauerkränzen, um die Geschichte des deutschen Faschismus in ihrem Sinne zu verdrehen und trauern exklusiv den Deutschen Opfern der alliierten Bombardierungen Hamburgs. Sie erwähnen weder den Zweck der Bombardierungen, nämlich den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, noch erwähnen sie, dass Deutschland den Krieg begann und als „Vernichtungskrieg“ gegen die Bevölkerung Osteuropas führte. Es war die deutsche Legion Condor, von Hitler zu seinem Verbündeten Franco geschickt, die schon 1936, also vor dem Beginn des II. Weltkrieges, die baskische Stadt Guernica mit Flugzeugen in Schutt und Asche legte und die Zivilbevölkerung auslöschte. Eine Strategie die wenig später z.B. im englischen Coventry ebenfalls praktiziert wurde, lange bevor die Alliierten zu diesem Mittel griffen. Es war die Deutsche Bevölkerung die nach Goebbels Sportpalastrede – „Wollt Ihr den Totalen Krieg?“ begeistert mit „Ja“ antwortete und in großen Teilen fanatisch an den Endsieg glaubte und an der „Heimatfront“ verbissen standhielt. Mit dieser verlässlichen Volksgemeinschaft im Rücken konnten Wehrmacht und SS bis zur militärischen Niederlage auch die Vernichtung der europäischen Juden mit industriellen Methoden betreiben. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass die Alliierten sich von Bombardierungen deutscher Städte eine Zermürbung der Bevölkerung und eine Schwächung der Heimatfront erhofften. Selbst wenn bei den Bombenangriffen auf Hamburg auch Unschuldige, Kinder oder sogar AntifaschistInnen umkamen, waren sie nötig, um so schnell wie möglich die deutsche Mordmaschinerie zu stoppen.

Die Nazis hingegen machen die Täter zu Opfern, leugnen die deutsche Kriegschuld sowie die im deutschen Namen begangenen und in der Geschichte einmaligen Verbrechen und erklären die Befreier vom Faschismus zu Verbrechern.
2005 schrieben die Neonazis anlässlich ihrer Feier „dass einzig und allein die Alliierten selbst die Schuld am Tod von rund einer Million deutschen Bombenopfern tragen.“ Über die angeblichen Motive der Hitler-Gegner behaupteten sie 2004 anlässlich ihres Aufmarsches auf dem Friedhof, sie „wollten niemals Völker befreien, sondern unterjochen, quälen und foltern.“ 

Generationen und Spektrenübergreifend

Die seit mindestens 2004 inszenierten Nazi-Feiern haben aber auch eine besondere Binnenwirkung für die hanseatische Szene. Hier kommen junge, militante Kameradschafter mit alten NPD- und DVU-Mitgliedern, die noch immer vom Dritten Reich schwärmen, zusammen. Die Leugnung von Kriegsschuld, Kriegsverbrechen und Holocaust bringt Spektren zusammen, die sonst in der Öffentlichkeit eher mal auf Abstand gehen. Dieses Spektrum spiegelt sich auch in den Rednern der alljährlichen Feiern wieder.Neben DVU-Funktionär Teppris, der bis 2006 scheußliche Gedichte vortrug, sprach 2005 der wegen Volksverhetzung verurteilte Kader Thomas Wulff, zeitweilig tätig im Bundesvorstand der NPD. 2006 durfte Klaus-Cristoph Marloh die Trauer-Rede halten. Er ist beliebter Redner in Kreisen von Holocaust-Leugnern und einer der Stars der Hamburger Neonazis, weil er als U-Boot Offizier in Hitlers Marine diente und bis heute seiner braunen Gesinnung treu geblieben ist. 2007 durfte dann laut Augenzeugen der Hamburger NPD-Vize Karl-Heinrich Göbel, Anführer eines Angriffes auf eine Veranstaltung der DGB-Jugend, zur braunen Gemeinde sprechen.

Schluss mit NS-Verherrlichung und Geschichtsklitterung !

Die Nazis können deshalb ungestört jedes Jahr ihre öffentliche Propaganda-Show abhalten, weil Friedhofsverwaltung und Polizei sie gewähren lassen. Der Verwaltung ist die Problematik seit Jahren bekannt, allerdings schließt sie jedes Jahr das, sonst verschlossene, Mahnmal extra für die Kranzablage auf. Die Polizei ihrerseits eskortiert das braune Pack alljährlich auf den Friedhof, damit es dort sein Spektakel ungestört abhalten kann. Dabei sind Friedhöfe keineswegs ein Ort wo Nazis beliebig ihr Unwesen treiben können – auf dem Soldatenfriedhof im brandenburgischen Halbe, wo eine der letzten Kesselschlachten des II. Weltkrieges stattfand, haben die NS-Verherrlicher schon lange Aufmarschverbot. Es wird dringend nötig, den Druck auf die Friedhofsverwaltung und die zuständige Abteilung im Bezirksamt Nord zu erhöhen um den Spuk zu beenden. (erk)

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