Pressemitteiltung der VVN-BdA

*Neue Fragen zum „Gedenkort“ Stadthaus*

In der Auseinandersetzung um den Gedenk- und Erinnerungsort Stadthaus gibt es einen neuen Sachverhalt, der die schon von zahlreichen Initiativen und WissenschaftlerInnen vorgetragene Kritik an dem von Quantum betriebenen und von der Kulturbehörde verteidigten Konzept noch verstärkt.

Ein wesentlicher Teil dieses Konzeptes besteht in der Einbindung des Gedenkortes in eine Buchhandlung mit angeschlossenem Café und der Beauftragung der Buchhändlerin Stephanie Krawehl mit der Koordinierungund Betreuung des Gedenkortes Stadthaus. Dieser Gedenkort, so sah es der Vertrag zwischen der Stadt Hamburg Stadt und Quantum vor, soll der Dokumentation und Erinnerung an die im Stadthaus organisierten, geleiteten und praktizieren Verbrechen des Nazi-Polizei- und Terrorapparates dienen und zugleich ein würdevolles Gedenken an den Hamburger Widerstand ermöglichen. Doch das ist in dieser Konstellation schlicht unmöglich.

Als Beleg für die besondere Eignung von Frau Krawehl für die ihr übertragene Aufgabe wurde in verschiedenen Medien vorgebracht, dass Frau Krawehls eigene Großmutter denunziert und ins Stadthaus vorgeladen war. Einige ausgewählte Zitate finden sich im Anhang.

*Wie sich jetzt herausstellt,**entsprechen die Darstellungen von Stephanie Krawehl und die darauf basierenden Medienberichte nicht den Tatsachen.Das Gegenteil ist der Fall: Rosa Krawehl war nicht Verfolgte, sondern selbst Mitglied der NSDAP.*

Das ergibt sich aus ihrer Entnazifizierungsakte von 1950 und der NSDAP-Mitgliederkartei. Demnach war Rosa Krawehl 1937 – noch in ihrem Heimatland Uruguay – der NSDAP und zusätzlich 1938 der NS-Frauenschaft beigetreten. 1939 kam sie dann mit ihrem Mann Wilhelm Krawehl, ebenfalls Mitglied der NSDAP, nach Hamburg.

Aus dieser Erkenntnis ergibt sich vor allem an die Immobilienfirma Quantum notwendig die Frage, ob Frau Krawehl die Koordinierung und Betreuung des Geschichtsortes Stadthaus wahrnehmen kann, nachdem sie selbst die (angebliche) Verfolgung ihrer Großmutter als Beleg für ihre Motivation und Qualifikation für diese Aufgabe genannt hat. Dies offenbart eine unzureichende Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte vor dem Hintergrund allgemein bekannter Fakten:

Schon der Hinweis, dass die Großmutter im Sommer 1939 aus Uruguay nach Hamburg übergesiedelt war, musste misstrauisch machen. Denn das war die Zeit, in derviele tatsächlich verfolgte Menschen verzweifelt versuchten, Deutschland zu verlassen.

Wir haben Frau Krawehl, die von Quantums Kommunikationsberater Matthias Onken begleitet wurde, am 8. Juni in einem Gespräch über diese Erkenntnisse und unsere Kritik informiert. Um Fehlinterpretationen vorzubeugen, betonen wir: Stephanie Krawehl ist in keiner Weise verantwortlich für die NSDAP-Mitgliedschaft ihrer Großeltern. Sie ist aber verantwortlich für ihren öffentlichen Umgang mit dieser Familiengeschichte.

Dieser ganze Vorgang zeigt noch einmal, wie problematisch es ist, die gesellschaftliche Verantwortung für aufklärende Erinnerung und Gedenken in ein kommerzielles Konzept einzubinden und auf eine fachlich-kompetente Leitung und Begleitung zu verzichten. Wir fordern weiter, den Dokumentations-, Lern- und Gedenkort Stadthaus in öffentliche Verantwortung, z.B. durch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu übernehmen.

Es wäre beschämend, wenn die Stadt Hamburg, die allein für die Renovierung des Bismarck-Denkmals 7,5 Millionen Euro zur Verfügung stellt, die Finanzierung einer solchen Aufgabe nicht übernehmen will.

Ulrich HentschelCornelia Kerth, VVN-BdA

Rückfragen an Ulrich Hentschel:Tel. 040 – 420 21 69oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

*/Presseberichte mit Zitaten von Stephanie Krawehl über die Großmutter/*

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/„Dann erzählt sie (Stephanie Krawehl d.V.) plötzlich von ihrer Großmutter. Sie stammte aus Montevideo in Uruguay und ging 1939 mit ihrem Ehemann in dessen Heimat nach Hamburg. Die fremde Frau erschien einigen Hamburgern verdächtig, zweimal wurde sie bei der Polizei denunziert, dreimal wurde sie ins Stadthaus geladen und verhört. "Sie hat nie darüber gesprochen", sagt Krawehl, "wir wissen das nur von ihrer Schwester.“ /

/Zu ihren Freunden gehört Fred Leser, der als 13-jähriger Junge von Hamburg aus nach Riga deportiert wurde und als Einziger in seiner Familie den Holocaust überlebte. Früher organisierte Stephanie Krawehl Veranstaltungen für den Jüdischen Salon. Sie findet die Vorwürfe krude, dass es ihr an diesem Ort nur um Kommerz gehe. "Keiner hat sich mit meinem Background oder der Idee hinter unserem Konzept auseinandergesetzt", sagt sie. Für sie ist der Ort "eine einmalige Chance, offen mit der Erinnerung umzugehen und Menschen zu erreichen, die sich sonst nicht dafür interessieren". Krawehl sagt: "Meine Großmutter wäre stolz, dass dieser Ort hier entsteht."/

/ZEIT 26.2.2018/

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/„Stephanie Krawehl, Inhaberin des zwei Mal mit dem deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichneten Lesesaal, ist Koordinatorin der Ausstellung. „Meine eigene Familiengeschichte verbindet mich mit dem Stadthaus, da meine Großmutter denunziert und hier mehrmals verhört wurde. Dies war Jahrzehnte ein Tabuthema bei uns. Deshalb liegt mir auch ganz besonders die Auseinandersetzung mit der Beziehung der NS-Verbrechen zu unseren aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen am Herzen“, sagt sie./

/Presseinfo von Quantum und Lesesaalam 1. Mai 2018/

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/„…und von der Buchhändlerin Stephanie Krawehl (54) geleitet wird. Sie sagt, die Sache sei ihr eine Herzensangelegenheit, da die eigene Oma Gestapo-Verfolgte gewesen ist.“/

/Mopo 2.5.2018/

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