Schleswig-Holstein-Zeitung
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschloss die evangelisch-lutherische Kirche in Schleswig-Holstein immer wieder die Augen vor der Nazi-Vergangenheit. Die Nordkriche will das aufarbeiten.
Der in Preetz geborene SS-Arzt Karl Genzken: wegen Menschenversuchen im KZ zu lebenslanger Haft verurteilt. Der aus Neumünster stammende SS-Polizeiführer in Estland, Hinrich Möller. Oder Carl Oberg mit privaten Verbindungen nach Flensburg, als Polizeiführer von Paris verantwortlich für die Verhaftung 70.000 französischer Juden, doppelt zum Tode verurteilt, aber letztendlich doch begnadigt. Die Liste der Übel konnte noch so lang sein – für Wilhelm Halfmann, von 1946 bis 1964 Bischof von Holstein, war das kein Grund, sich nicht trotzdem für NS-Verbrecher ins Zeug zu legen. Eine ganze Akte füllen seine Gnadengesuche und Bittbriefe zu ihren Gunsten.
Es ist nur ein Beispiel von vielen, wie die evangelisch-lutherische Kirche in Schleswig-Holstein und Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg die Augen vor der Nazi-Vergangenheit verschlossen hat. „Prägend war eine unreflektierte Solidarisierung mit den Tätern. Sie ging einher mit einer Tabuisierung der Fragen nach konkreter Schuld und begangenen Verbrechen“, bilanziert der Historiker Stephan Linck. Im Auftrag der Nordkirche selbst hat er das Thema erstmals umfassend recherchiert. Dokumentiert sind sie jetzt in Buchform: „Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum“.
Lincks Forschung über den Zeitraum von 1945 bis 1965 knüpft an die von ihm mitgestaltete Wanderausstellung „Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933-1945“ an. Darin dokumentierte die Kirche zur Jahrtausendwende zwar, wie sie im Dritten Reich mitgemacht hat. Unbeleuchtet blieb aber manche Kontinuität in den eigenen Reihen nach dem Ende des 1000-jährigen Reichs. Fragen dazu tauchten bei den Besuchern der Ausstellung indes reichlich auf
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