Spiegel online Von Florian Diekmann 

Die Zeit des Burgfriedens ist vorbei, liberal-konservative und rechtsextreme Burschenschafter bekämpfen sich jetzt offen - und mit bislang ungekannter Härte. Es ist weit mehr als ein gewöhnlicher Richtungskampf, der da in der Deutschen Burschenschaft tobt, jenem Dachverband mit seinen rund 120 Bünden und knapp 10.000 Burschenschaftern. Die liberaleren Burschenschafter scheinen diesmal fest entschlossen, den rechtsextremen Auswüchsen im Verband Einhalt zu gebieten. Und sie kämpfen mit offenem Visier.

Mehr als 300 meist angesehene Burschenschafter - darunter auch frühere Spitzenpolitiker - haben sich zu einer beispiellosen Aktion entschlossen: Öffentlich greifen sie in einem Aufruf einen führenden rechtsextremen Funktionär des Dachverbands scharf an und verlangen dessen Rücktritt. Der Aufruf ist ohne Beispiel: Denn kaum etwas ist Burschenschaftern so wichtig wie Verschwiegenheit und Geschlossenheit nach außen. Zwar beschwören die fechtenden Akademiker eine offene Streitkultur, doch ihre Konflikte tragen sie sonst intern aus.

Anlass für den aktuellen Affront war die Hetze eines hohen Funktionärs im Dachverband, über die SPIEGEL ONLINE berichtete: Der Chefredakteur der Verbandszeitung "Burschenschaftliche Blätter", Norbert Weidner, hatte den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur, Dietrich Bonhoeffer, öffentlich als Landesverräter bezeichnet - sowie dessen Verurteilung "rein juristisch" als "gerechtfertigt". Die Bonner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Weidners Verbindung "Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn" war es auch, die schon im vergangenen Jahr mit ihren rassistischen sogenannten Ariernachweis-Anträgen für einen Eklat gesorgt hatte.

Diesem Treiben wollten die liberaleren Burschenschafter nicht länger schweigend zusehen. In ihrem  Aufruf verurteilen sie die Äußerungen Weidners "auf das Schärfste". Weidner habe nicht nur das Ansehen Bonhoeffers, sondern auch das der damals im Widerstand befindlichen Burschenschafter geschädigt. "Diese Äußerungen eines hohen Funktionsträgers der Deutschen Burschenschaft sind inakzeptabel und unanständig."
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