Lokalberichte, von Lothar Zieske

So lautet der Titel eines neuen Buches des Berliner Historikers Wolfgang Wippermann, und so lautete auch der erste Teil des Titels eines Vortrags, den er am 24.9. in dem gut besuchten Buchladen in der Osterstraße hielt.

Was nun wird nach Wippermanns Auffassung fälschlich verglichen, und was wird dämonisiert? Der Untertitel des Buchs wie des Vortrags hieß: „DDR und Drittes Reich“. Damit fiel der Referent leider teilweise hinter seinen eigenen wissenschaftlichen Anspruch zurück; zwar benutzte er dankenswerter Weise nicht den Begriff des Nationalsozialismus, sondern des Faschismus, um die Deutsche Geschichte von 1933 bis 1945 zu bezeichnen; mit dem Begriff „Drittes Reich“ nahm er jedoch leider das Selbstbild der damals Herrschenden auf.

Im Verlaufe der Diskussion sah er sich auch gezwungen, seinen Gebrauch des Begriffs „Vergleich“ zu problematisieren; es ging ihm nicht um das Vergleichen der beiden Systeme, sondern um eine Gleichsetzung, die sich sozusagen durch die Hintertür einschleicht.

Wenn ich von diesen Kritikpunkten absehe, muss ich Wippermann zugestehen, dass er dem Publikum seine Thesen überzeugend vermitteln konnte. Er ist das, was im Show-Geschäft eine „Rampensau“ genannt wird. Er kann das Publikum fesseln und unterhalten. (Auch hier unterlief ihm allerdings leider ein Faux-Pas, als er nämlich die Beziehung zwischen der jüdischen Philosophin Hannah Arendt und dem Philosophen Heidegger, der sich opportunistisch den Nazis andiente, auf eine geschmacklose Weise beschrieb; doch immerhin entschuldigte er sich, als ihm dies vorgehalten wurde.)

Widerspruch konnte natürlich angesichts seiner temperamentvollen Vortragsart nicht ausbleiben, doch die einzige Person, die ihren Widerspruch wiederholt vorbrachte, ohne mit der Antwort zufrieden zu sein, musste sich aus dem Publikum vorhalten lassen, nicht richtig zugehört zu haben. Denn, auch wenn Wippermann nicht von Bautzen sprach, so drückte er doch unumwunden aus, dass er die DDR für eine Diktatur hielt – jedoch keine „totalitäre“, sondern eine „autoritäre“. (Die Begrifflichkeit folgte dem verstorbenen DDR-Forscher P.Chr. Ludz.)

Er lehnte es mit guten Gründen ab, sie mit dem faschistischen Staat auf die gleiche Stufe zu stellen. Den Vertretern der Totalitarismus-Doktrin – er bezeichnete „Totalitarismus“ als einen politischen Kampfbegriff und sprach ihm ab, Grundlage einer Theorie zu sein – warf er dies vor.(1)

Neben vielen anderen schiefen Vergleichen hielt er deren Vertretern vor, sie abstrahierten unzulässigerweise vom Charakter des faschistischen Staates als „Rassenstaat“ und behandelten die Shoah als eine beim Vergleich zu vernachlässigende Größe. Daneben erhob er den Vorwurf, sie hätten in ihrer Doktrin keinen Wandel des DDR-Systems vorgesehen. Aus allen diesen Gründen bezeichnete er die Totalitarismus-Doktrin als zwar wissenschaftlich gescheitert, politisch aber weiterhin lebendig. Es gehe ihr nicht um Wahrheit, sondern um die Verfolgung politischer Interessen.

Nach diesem Scheitern der Doktrin wurde der Begriff des Totalitarismus durch den des Extremismus ergänzt bzw. ersetzt, den Wippermann – wenn auch aus anderen Gründen – für abwegig hält: Dieser Begriff gehe aus von der suggestiven Annahme, dass, wenn die halbkreisförmige Sitzordnung im Parlament zu einem Vollkreis ergänzt wird, die Ränder sich berührten („Les extrèmes se touchent.“) Diese Vorstellung sei deswegen so fatal, weil sie zum einen politische Radikalität der Linken aus formalen Gründen diffamiere und zum anderen die „Mitte“ verharmlose. In diesem Zusammenhang wies Wippermann zu Recht darauf hin, dass die Weimarer Republik nicht von Rechts und Links, sondern von Oben und von der „Mitte“ zerstört wurde. (Er zitierte eine für dessen antidemokratische Haltung symptomatische Stelle aus den Memoiren des früheren Reichskanzlers Brüning.)

Für die Geschichtspolitik, die unter Einsatz der Kampfbegriffe „Totalitarismus“ und „Extremismus“ betrieben wird, nannte er verschiedene Beispiele: die „Enquetekommission“ des Deutschen Bundestages, die FU-Kommission zum „SED-Staat“, die Gedenkstätte Hohenschönhausen (unter Leitung des Hubertus Knabe) und die Gauck-/Birthler-Behörde. Sie alle griff er scharf an. Gauck und Birthler hielt er vor, ihre Neutralitätspflicht zu missachten und nach politischem Belieben (zuletzt war es die Akte „Kurras“) Akten zwecks politischer Einflussnahme hervorzuzerren; Knabe warf er vor, keinerlei wissenschaftliche Arbeit zu betreiben, kein museumspädagogisches Konzept zu haben und seine Gedenkstätte mit den Mitteln einer Geisterbahn (Mein Ausdruck! L.Z.) zu betreiben, indem er SchülerInnen in Zellen sperre, um sie nachempfinden zu lassen, wie schlimm die Stasi war. Auch werde die faschistische Vorgeschichte Hohenschönhausens völlig ausgeblendet – wieder ein schlagendes Beispiel für die Dämonisierung: dieses Mal durch Weglassen. Aber auch die Arbeit der „Enquetekommission“ habe verheerende Ergebnisse hervorgebracht. Als Beispiel nannte er die Festlegung von Schwerpunkten der Arbeit von Gedenkstätten, die die faschistische Vergangenheit einerseits und die der DDR andererseits im Verhältnis „2:1“ darzustellen hätten; die Verteilung der Gelder sei entsprechend vorgesehen.

Dieses Vorgehen entspricht einer politischen Intention, die der Moderator M.Meuche-Mäker bereits in seinen einleitenden Worten so charakterisiert hatte: Die faschistischen Verbrechen sollten zwar nicht mehr geleugnet, im Nachhinein solle aber die Opferrolle der deutschen Bevölkerung in Krieg und Nachkriegszeit hervorgehoben werden.
Wippermann forderte, den „Kampf um die kulturelle Hegemonie“ (Gramsci) aufzunehmen, die Begriffe „Totalitarismus“ und „Extremismus“ zu meiden, statt dessen, wo nötig, von „Faschismus“ (2) und „Rassismus“ zu sprechen und nicht in die Falle des Antikommunismus zu tappen (3)

Die anschließende Diskussion, die bereits ansatzweise zur Sprache gekommen ist, wäre mit dem Begriff „lebendig“ nur unzureichend gekennzeichnet. Nicht nur, dass sich um die Person, die immer wieder die Thematisierung Bautzens forderte, ein heftiger Disput entwickelte: Zeitweise brannte die Luft derart, dass der Moderator (lat.: „der Mäßiger“) sich gezwungen sah, seine gelbe und seine rote Karte, die er mitgebracht hatte, zumindest vorzuweisen. Fast wäre es dazu gekommen, dass er sie gegen einige Kampfhähne und –hennen hätte einsetzen müssen. Doch das war dann zum Glück nicht nötig.


Als am Ende alle Anwesenden wieder zur Besinnung gekommen waren, werden die meisten doch wohl überzeugt gewesen sein, einer lebendigen und lehrreichen Veranstaltung beigewohnt zu haben (Lothar Zieske)


Fußnoten:(1) Als eine Art Geburtsfehler dieser Doktrin erwähnte er, dass sie Hannah Arendts Theorie unzureichend rezipiert habe; diese habe die DDR nie als totalitär bezeichnet. Er kritisierte an Arendt selbst aber, sie hätte an ihr „Totalitarismus“-Buch nicht den Abschnitt über die Sowjetunion „anklatschen“ (so wörtlich) sollen. - Bezeichnend fand er auch, dass einer der Urväter dieser Doktrin, C.J. Friedrich, sich für eine „konstitutionelle Diktatur“ ausgesprochen habe
(2) In der anschließenden Diskussion berichtete Wippermann, in Ostdeutschland seien schon LehrerInnen gemaßregelt worden, die im Unterricht den Begriff „Faschismus“ verwendet hätten.
(3) An dieser Stelle war natürlich das Thomas-Mann-Zitat von der „Grundtorheit des 20. Jahrhunderts“ fällig.