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Redebeitrag des HBgR bei der Kundgebung am 28. 06.2020:

Der Bau des Denkmals durch völkische KreiseBismarck muss fallen. jpg

Die Förderer des Bismarck-Denkmals in Hamburg standen noch weiter rechts, als der Eiserne Kanzler selbst und gehörten soziologisch zum Hamburger Großbürgertum, politisch jedoch größtenteils zum völkischen Nationalismus und den Wegbereitern der NS-Diktatur. Der erste Spendenaufruf erfolgte in Hamburg 1898 vor dem Hintergrund der Erinnerung an die „unsterblichen Verdienste des Fürsten für die Einheit des Vaterlands und sein Denkmal als Mahnung an die Treue zu Kaiser und Reich“ und wurde v.a. von Mitgliedern des rassistischen und antisemitischen „Alldeutschen Verbandes“ getragen, der Bismarck vor seinem Tode zum Ehrenvorsitzenden gewählt hatte. Dem späteren „Bismarck-Denkmal-Comité“ gehörten Hamburger Bankiers, ein Bürgermeister, Senatoren, Reeder und Kaufleute an, ihr Vorsitzender war der Bankier Max von Schinkel, zeitweiliger Präsident der Handelskammer, Mitglied im Stahlhelmbund, in der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP) und Ehrenpräsident des Hamburger Nationalklubs. Von Schinkel begrüßte 1933 die Machtübertragung an Hitler.
Die Hamburger Pfeffersäcke wollten Bismarck ein monumentales Denkmal errichten aus Dank für dessen Politik, für die Bekämpfung der Arbeiter*innen-Bewegung, die Reichseinigung und die damit verbundenen Vorteile für die Handelsstadt Hamburg und auch für die Erschließung von Kolonien unter Bismarcks Kanzlerschaft. So ist es kein Wunder, dass u.a. die Hamburger Kolonialisten William O´Swald und Adolph Woermann dem Bismarck-Komitee angehörten. Woermann profitierte z.b. auch stark von dem Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia durch die deutschen Kolonialtruppen.
Der Bau des Denkmals war keineswegs staatliche Sache, sondern wurde privat finanziert, denn Teile des Kleinbürgertums und die gesamte Arbeiter*innenklasse lehnten die Bismarckverehrung ab.




1906 wurde dann auch in Hamburg dem „Genius germanischen Kampfeszornes“ ein wahrhaft kolossales Denkmal eingeweiht. Schon aus der Architektur lässt sich eine militäristisch-wehrhafter, betont germanisch-völkischer Symbolik ablesen. Mit seinem riesigen Schwert droht der steinerne Koloss jedem potentiellen Feind von außen, symbolisiert aber auch Zucht und Ordnung nach Innen. Bismarck hatte Hamburgs Kaufleuten mit seiner Kolonialpolitik zu großem Reichtum verholfen und so ließen sie das Denkmal bewusst im Stil eines mittelalterlichen Rolands, mit Blick gen Übersee errichten – Roland ist Schutzpatron des Handels. Sein Blick die Elbe hinab drohte auch der damaligen imperialistischen, maritimen Konkurrenz, vor allem England und Frankreich. Und er steht wortwörtlich auf einem völkischen Sockel, die acht monumentalen Figuren dort symbolisieren die „acht germanischen Stämme“.

Bismarckkult in Weimar und dem NS

Im Verlauf der Jahre wurde gerade das Hamburger Bismarck-Denkmal aufgrund seiner Größe, Symbolik und Lage zu einer Ikone des völkischen Nationalismus. Monarchisten, Reaktionäre, Republikfeinde, Deutschnationale, Altkonservative, Faschisten und Verbindungsstudenten aller Couleur pilgerten zu dem steinernen „Führer“. So z.B. am 1. April 1926, als eine Massendemonstration „für nationale Gesinnung“ mit Tausenden von Fackeln das Denkmal in gespenstisches Licht tauchte. Allerdings regte sich auch damals schon handfester Widerstand gegen die nationalistischen Aufmärsche. Ab 1927 kam es in Hamburg stets am 1. April zu schweren Zusammenstößen zwischen Bismarck-Verehrern und Linken, die vor der faschistischen Gefahr warnten.
Auch die NSDAP bediente sich in den ersten Jahren nach der Machtübertragung des Bismarck-Kultes. 1939 besuchte Adolf Hitler in Friedrichsruh das Bismarck-Mausoleum. Die Hamburger Nachrichten schrieben dazu: „Durch die Gründung des Zweiten Reiches hat Bismarck dem Dritten Reich den Weg gebahnt. Ohne sein Werk wäre auch Großdeutschland nicht entstanden.“ Eines der beiden größten Schlachtschiffe der NS-Marine wurde von Hitler persönlich „Bismarck“ getauft. Und im Bismarckdenkmal wurden NS-Symbole inklusive eines Hakenkreuzes und stilisierte SS-Runen angebracht. Der Bismarck-Mythos ließ erst nach, als aus Gründen der Aktualität und der Konkurrenz es nur noch einen Führer aller Deutschen geben konnte. So wie ehemalige deutschnationale, jung-konservative oder nationalrevolutionäre Weggefährten überflüssig wurden, hatte auch der Reichsschmied als Idol ausgedient.

Bismack-Gedenken nach 1945

Nach dem Krieg, hatte die kultische Verehrung eines „Führers der Deutschen“ erstmal weitgehend ausgedient, der steinerne Koloss wurde hinter hohen Bäumen versteckt. 1963 kam man sogar auf die einzig richtige Idee: Das Denkmal abzureißen und somit Platz für die Internationale-Gartenbau-Ausstellung IGA zu schaffen. Eine Nutzung von der erstmals auch alle Hamburger*innen etwas gehabt hätten, nicht nur Konservative und Faschisten. Reaktionäre Seilschaften in den Behörden verhinderten dies jedoch, in dem sie den Koloss kurzfristig unter Denkmalschutz stellen ließen.
In die politischen Schlagzeilen kam das Denkmal erst wieder, als 2003 Bismarcks ideologischer Nachfolger Ronald Schill zweiter Bürgermeister war. Ein geschichtsrevisionistischer Verein, der auch den Kriegsklotz am Dammtor betreut, hatte zur feierlichen Illumination des Reichskanzlers eingeladen. In dem „Bund für Denkmalerhaltung e.V.“ waren damals sowohl Mitglieder von CDU und Schillpartei, wie auch der neofaschistischen Burschenschaft Germania organisiert. Als wahrer Europa- und Friedensfreund wurde Bismarck bei der Feier gepriesen, wo er doch 3 Kriege gegen seine Nachbarn führte. „Wohl dem Volke, das in bitterster Notzeit einen solchen Mann an seiner Spitze weiß“, wünschte sich der Bund einen neuen Diktator in der Einladung und forderte weiter ein starkes Deutschland, als Herz im „Europa der Vaterländer.“ Polizei und Burschenschafter sicherten damals gemeinsam die Veranstaltung gegen antifaschistische Proteste ab, als Urenkel Fürst Ferdinand von Bismarck, selbst in völkischen Kreisen aktiv und mit Kontakten in die Neonazi-Szene, die Scheinwerfer zusammen mit dem Immobilien-Mogul Willi Bartels einschaltete. Derweil der damalige SPD-Bezirksamtsleiter Markus Schreiber mit Schill und dem Polizeipräsidenten Udo Nagel gemeinsam im Hotel Hafen Hamburg die Illumination feierten. Es war 2003 eine unheimliche Allianz aus Geschichtsrevisionisten, CDU-Konservativen, reaktionären Schill-Anhängern, Neofaschisten und geschichtsvergessenen Sozialdemokraten die dem Bismarckkult frönten.

In den letzten 20 Jahren war das Bismarckdenkmal immer wieder Aufmarsch-Ort, Bilderkulisse oder mediale Referenz für diverse Vereinigungen von rechts bis neonazistisch. Die Burschenschaft Germania posierte hier für einen Reichsgründungskommers, die ortsansässige Landsmannschaft Mecklenburgia warb mit dem Denkmal, die Identitäre Bewegung inszenierte sich hier für ein Video und auch die NPD warb in Hamburg mit dem „Führer aller Deutschen“. Auch überregional gibt es kaum eine Organisation der extremen Rechten, welche sich nicht auf den Reichsgründer und sein Hamburger Denkmal rekurriert, manchmal sogar noch ganz offen als dem geistigen Vorläufer Adolf Hitlers. Und selbstverständlich wirbt auch die AfD mit Bismarck , Ehrenvorsitzender Gauland beruft sich politisch gerne auf den eisernen Kanzler. Der Hamburger Fraktionsführer Alexander Wolf, selbst mit familiärem, kolonial-rassistischem Hintergrund, erklärte „Bismarck und die Kolonialzeit sind Bestandteile unserer Geschichte. Historische Denkmäler spiegeln unser kulturelles Erbe wider, dass es zu schützen gilt.“ Und AfD-Chef Nockemann will den Schutzbedarf gleich auf alle „Denkmäler aus der Kolonialzeiten“ ausweiten.

Neonazis, Deutschnationale, Rassist*innen und die AfD dürften die einzigen sein, die sich über eine Sanierung des Bismarckdenkmals für 9 Millionen Euro durch eine rot-grüne Landesregierung freuen. Es gibt genügend Bismarck-Denkmäler, auch in Hamburg und gerade dieser Koloss symbolisiert wie kein anderer völkischen Nationalismus, Kolonialismus und Militarismus. Bismarck war Antidemokrat, Antiliberaler und Parlamentsverächter, Unterdrücker von Sozialdemokratie, Arbeiter*innenbewegung und Gewerkschaften und kein Vorbild für die heutige Gesellschaft. Auf diesem Platz könnte ein Park oder Wohnraum für Alle entstehen, statt dieses nutzlosen Monstrums. Die Weimarer KPD soll beschlossen haben das Bismarckdenkmal zu sprengen, sollte sie an der Regierung beteiligt werden. Ich hätte nichts dagegen, diesen Beschluss heute noch umzusetzen.

Felix Krebs für das Hamburger Bündnis gegen Rechts

 

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