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Bei braunen Burschenschaften zerhackt man sich gerne mit Säbeln die Gesichter, trinkt Unmengen Bier und singt bei Feiern auch mal Nazi-Lieder. Dies ist bekannt. Dass dieses, ach so akademische, Gebaren allerdings auch negative Folgen haben kann, musste die rechtsextremistische „Hamburger Burschenschaft Germania“ (HBG) in den letzten Jahren erfahren. Erst machte ihr Vize-Chef wegen Alkohol-Konsums erhebliche Probleme und dann zog die Nachbarschaft wegen Lärmbelästigung vor Gericht und zwang die Burschen zum Auszug.  

In die Kneipen laufen und sein Geld versaufen, ist ein hoher, herrlicher Beruf“1

 Der Alte Herr L.S., ursprünglich aus einer anderen Burschenschaft und zugezogen, erwarb vor einigen Jahren das sog. Zweitband der Germania und wurde 2018 zum stellvertretenden Vorsitzenden des Altherren-Verbandes (AHV) der HBG gewählt. Ein AHV hat die meiste Macht bei den studentischen Verbindungen und ist auch juristische Person bei Streitigkeiten. Die Alten Herren geben das Geld, unterhalten das Haus, bieten Protektion, Beziehungen und manchmal Jobs für die Jüngeren und entscheiden letztlich was in der Korporation, auch politisch, geschieht. L.S. wohnte zusammen mit dem Nachwuchs im Germanen-Haus in der Sierichstr. 2018 gab es jedoch zunehmend Probleme mit dem Alten Herren. Er hielt sich nicht an ein ihm auferlegtes Alkoholverbot, brachte selbst welchen mit und bediente sich an den Vorräten im Haus ohne jedoch dafür zu zahlen. Zahlen wollte der Vize-Chef auch nicht für die Miete oder eine Krankenversicherung, weshalb auch eine Entzugstherapie nicht möglich war; nicht mal Hartz IV bekam der deutsche Herrenmensch. Die Alten Herren, welche sonst so stolz ihre Trinkfestigkeit und Alkoholexzesse besingen, befürchteten eine negative Vorbildfunktion für die jungen Füxe und Burschen, zwangen ihren Vize zum Auszug aus dem Burschenhaus und erwogen sogar einen Ausschluss aus der Burschenschaft.

Im Kreise froher, kluger Zecher“2

Die richtigen Probleme sollten für den AHV-Vorsitzenden Bernd Kozinowski allerdings erst noch kommen: Schließlich soff nicht nur sein Vize, sondern auch die gesamte Corona immer wieder gerne im Burschenhaus. „Wer sich dran erinnert, ist nicht dabei gewesen“, bewarb die Germania z.B. ein jährlich wiederkehrendes, komatöses Gelage. Dass bei derartigen Exzessen auch gerne mal „Heil Hitler“ gerufen wurde, bekamen nicht nur die Nachbarn mit, sondern wurde erstmals 2016 auch bei der Polizei aktenkundig.3 Die Nachbarschaft im vornehmen Winterhude beschwerte sich seit 2014 gegen die regelmäßigen Lärmbelästigungen der Germanen, mehrfach gab es Polizeieinsätze. Im August 2017 erreichte sie dann ein Unterlassungsurteil.

Zwar wurden nun Schallschutz-Maßnahmen, wie Filzgleiter unter den Stühlen ergriffen, öfters aushäusig gefeiert oder Zimmerlautstärke bei Treffen angeordnet. Die Aktivitas in dem Haus, hielt sich jedoch offensichtlich nicht an die von den Alten Herren verordneten Maßnahmen. Eine Zeugin beschrieb es im Prozess um die Lärmbelästigung folgendermaßen: „Es ergibt sich ein immer gleicher Ablauf, wonach zuerst gefochten, dann gebrüllt und schließlich Musik gespielt werde.“4 Ein anderer Zeuge maß bei einer anderen Gelegenheit bis zu 84 Dezibel in der Nacht.

Heil Hitler“ an Adolf´s Geburtstag

Insgesamt neun Verstöße gegen das 2017 verhängte Endurteil führt das Landgericht Hamburg in seinem Urteil (Az 330 O 478/15) vom 21.09.2020 an. Unter den angeführten lautstarken Feiern befindet sich neben einem Semester-Antritts-Convent und einer sog. „Reichsgründungsfeier“ auch ein Verstoß in der Nacht vom 20. April (Hitler´s Geburstag) auf den 21. April 2018. Ab etwa 00:30 Uhr sei Gesang und das „Brüllen von Parolen wie 'Heil Hitler' sowie laute Musik mit dumpfen Bässen“ zu hören gewesen sein.5 Ein Verstoß am 05./06. Mai 2018 dürfte den da stattgefundenen „ordentlichen Burschentag des Hamburger Waffenrings“ (HWR) betroffen haben. Im HWR sind fast alle schlagenden Hamburger Verbindungen zusammengeschlossen – auch diejenigen, welche nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Trotz aller vordergründigen Abgrenzungen schlagen nämlich konservative Verbindungen mit CDU-Mitgliedern weiterhin Mensuren mit den Neofaschisten der Germania, man besucht sich regelmäßig und säuft zusammen.

Insgesamt summierte das Gericht die Ordnungsgelder für die einzelnen Verstöße auf 12.000 Euro. Die Kosten des Verfahrens für acht der Verstöße musste ebenfalls der AHV der Germania bezahlen. Bei Zahlungsunfähigkeit hätte der AHV für 48 Tage in den Kast gemusst, namentlich die Vorsitzenden Bernd Kozinowski und Carl Grisson.

Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“6

Die Probleme für die selbsternannte, akademische Elite hielten allerdings an, denn die Alten Herren waren keineswegs sicher, ob ihre verkommene Jugend nicht auch zukünftig lautstarke Gelage feiern würde. Ein handfester Generationenkonflikt mit wüsten Beschimpfungen zwischen alt und jung war die Folge. Vor Gericht hatte der AHV angegeben, dass die Mieteinnahmen für das Jahr 2019 bei 19.900 Euro, die Ausgaben jedoch bei 26.600 gelegen hätten. Eine Sicherheit von 80.000 Euro, welche der AHV bei Gericht verpflichtet wurde zu hinterlegen, für den Fall, dass es zu weiteren Verstößen käme, gefährdete die Fortexistenz des Burschenschaft. Andererseits zeigen die Zahlen, dass man bei acht vermieteten Zimmern für 200,- Euro immer noch günstig bei Burschenschaften wohnen kann.

Im Spätsommer 2021 war dann die „alte Burschenherrlichkeit“ in der Sierichstr. nach mehreren Jahrzehnten endgültig vorbei. In das Haus zog eine Firma „Amberlynne Park“ und auf dem Briefkasten kleben Aufforderung zur postalischen Nachsendung bezüglich ehemaliger Bewohner, aber auch bezüglich des Hausvereins „Harry Lange e.V.“, der das Burschenhaus verwaltete und des AHV. Bei ihren Auftritten im Netz gibt die Germania allerdings weiterhin die alte Adresse im Impressum an. Offensichtlich ein Verstoß gegen das Telemedien- bzw. Pressegesetz. Die zuständige Landesmedien-Anstalt schweigt jedoch, trotz erfolgter Hinweise, seit mehreren Monaten. Wohin die trinkfreudigen, akademischen Faschisten verzogen sind ist unbekannt, gerüchteweise nach Wandsbek. Mit neuerlichen Gelagen hielten sich die Burschen, auch corona-bedingt, bisher wohl zurück. Mitte Juni kommt nur das wichtigste, jährliche Ereignis der Germania, das Stiftungsfest (Gründungs-Jubiläum) und es würde uns wundern, ginge dieses ohne Bier und Feier von statten. 

Felix Krebs vom HBgR: „Wir haben über zig Jahre gegen die HBG demonstriert, Kundgebungen vor dem Haus abgehalten, in Pressemitteilungen, Kleinen Anfragen und eigenen Veröffentlichungen immer wieder auf das braune Treiben aufmerksam gemacht. Der erste Preis für antifaschistische Zivilcourage geht jedoch an die Nachbarschaft aus der Sierichstr. Chapeau!“

 

Dass die Germanen trotz Umzug und momentaner Leisetreterei nicht weniger rechts geworden sind, werden wir demnächst erläutern.

 

Hamburger Bündnis gegen Rechts 

1Aus einem burschenschaftlichen Lied

2Titel eines burschenschaftlichen Liedes

3 Verfassungsschutzbericht 2017, (Pressefassung vom 19. Juli 2018)Landesamt für Verfassungsschutz, S. 151

4 Urteil Landgericht Hamburg vom 21.09.2020, Az 330 O 478/15

5ebenda

6Titel eine burschenschaftlichen Liedes

 

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